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[2015/10/26]

Filmgeschichte sichern und zeigen – Neue Ausbildungswege

26. Oktober 2015 – Klaus Kreimeier: Nachbetrachtung zur Tagung „Die Rettung des Filmerbes und die Fachwissenschaften“ am 11. Oktober 2015 in Frankfurt am Main

Die Präsentation von drei Studiengängen auf der Tagung „Die Rettung des Filmerbes und die Fachwissenschaften“ der Initiative „Filmerbe in Gefahr“ in Frankfurt am Main am 11. Oktober 2015 machte deutlich, dass der Medienumbruch von den analogen zu den digitalen Technologien wissenschaftlich fundierte Strategien erfordert, um der Bedrohung unseres audiovisuellen Erbes langfristig und mit Erfolg zu begegnen. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), Berlin, werden Filmrestauratoren ausgebildet; neu sind die Studiengänge „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“ an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt und „Filmkulturerbe“ an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.

Gemeinsam sind ihnen ein umfassendes Verständnis für das Wechselverhältnis zwischen Technik und Ästhetik, das Prinzip der Interdisziplinarität im curricularen Aufbau sowie ein hoher Praxisanteil, der in Kooperation mit Filmarchiven und Kinematheken verwirklicht wird. Von Beginn an werden die Studierenden mit der Handhabung der analogen wie der digitalen Techniken vertraut gemacht und mit der "Materialität" des Bewegtbildes, seinen Formaten und unterschiedlichen Speicherverfahren konfrontiert. Damit wird die traditionelle Filmwissenschaft um eine wesentliche, bisher vernachlässigte Komponente erweitert und zugleich der unabdingbaren Reform der Archive eine fachlich ausgewiesene Grundlage geschaffen.

Die Digitalisierung eines erheblichen Teils unseres historischen Filmbestands ist unumgänglich im Blick auf die Situation in den Kinos, in denen es mittelfristig kaum noch analoge Projektionstechnik geben wird. Soll unsere Filmgeschichte auf der Kinoleinwand zugänglich bleiben, bedarf es entsprechender Digitalisate auf einem geeigneten technischen Niveau.

Darüber hinaus hat das Internet für die Filmrezeption, somit auch für die Begegnung mit der Geschichte des Bewegtbildes eine wachsende Bedeutung, der die deutschen Kinematheken bisher keineswegs gerecht werden.

Für die Sicherung des Filmerbes und die physische Bewahrung seiner spezifisch filmischen Qualitäten kann die Digitalisierung des Materials derzeit noch keine Lösung sein. Alle Referenten der Tagung waren sich darin einig, dass große Anstrengungen unternommen werden müssen, damit der Bestand (d.h. eine historisch angemessene und umfangreiche Auswahl von fiktionalen und nicht-fiktionalen Filmen) auf zukunftsfestem analogen Material (wie Polyester) gesichert und damit auf Dauer erhalten werden kann. Da eine Auswahl, schon aus Kostengründen, unvermeidlich sein wird, setzt sie fundiertes archivalisches und filmwissenschaftliches Wissen sowie ein gemeinsames Konzept der Archive und Kinematheken voraus.

Die mehr als hundertjährige Geschichte des analogen Bewegtbildes wurzelt nicht zuletzt in den rasant expandierenden Natur- und Technikwissenschaften des 19. Jahrhunderts, wie Ulrich Ruedel von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin hervorhob. Von den frühen Manufakturbetrieben bis zu den industriellen Produktionsformen hat die Film- und Kinogeschichte differenzierte handwerkliche Verfahrensweisen, technisches Know-how und ein hohes Fachverständnis für die Aufzeichnungs-, Träger- und Speichermaterialien hervorgebracht; Licht, Farbe und Sound-Design (um nur diese zu nennen) entwickelten sich zu Spezialwissenschaften, die eine fortschreitende Verfeinerung der ästhetischen Faszinationskraft der laufenden Bilder ermöglichten. Der Vortrag von Barbara Flückiger (Universität Zürich) über ihr DIASTOR-Projekt zur Geschichte der Farbe im Film hat dies besonders eindringlich bewusst gemacht.

Die von kapitalistischer Ratio diktierte Digitalisierung ist im Begriff, die Geschichte des Films als Trägermaterial zu beenden und vollständig neue Produktions- und Speichertechniken für das Bewegtbild zu etablieren. Damit wird das gesamte Wissen über das analoge, einstmals "Film" genannte Medium von der Bewegtbild-Industrie des 21. Jahrhunderts nicht mehr gebraucht; es ist abzusehen, dass es mit seinen Institutionen (Gerätefabrikation, Kopierwerke etc.) weitgehend obsolet werden wird. Es muss jedoch aufbewahrt werden, wenn die Archive das Film-Erbe nachhaltig, d.h. mittels Ausbelichtung und komplizierten Restaurationsmethoden auf Film- Material für die Nachwelt zur Verfügung halten sollen. Und es muss der Öffentlichkeit zugänglich sein, wünschenswerterweise in "Archiv-Kinos", die in kuratierten Programmen schwerpunktmäßig die ganze Bandbreite der deutschen Filmgeschichte wieder erlebbar machen.

Die Rettung des Filmerbes heißt somit nicht nur Sicherung der Filme selbst, sondern impliziert auch die Rettung eines über hundert Jahre alten Handwerks und seiner technischen Einrichtungen in den Bereichen Produktion und Projektion. Für die hohen Summen, die hier zu investieren sind, müssen die verantwortlichen Politiker ebenso wie Unterstützer und Mäzene der Industrie gewonnen werden.

Aufzeichnung des Gesprächs mit dem Publikum



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